Auf der Suche nach dem besten Buch der Welt.
Interview

JOSEPHINE MARK : Born to be Wild

Von Sven Fortmann

In der Zucker & Zitrone-Redaktion stehen Graphic Novels hoch im Kurs und werden, so wie’s ja generell sein sollte, mit dem nötigen Respekt und auf Augenhöhe mit Kinder- und Jugendliteratur behandelt. Eine, die es uns besonders angetan hat und - unabhängig vom Format - wohl zu den schönsten, lustigsten und bewegendsten Veröffentlichungen dieses Frühjahrs, nein, des Jahres gezählt werden darf, ist die All-Ages Graphic Novel „Trip mit Tropf“ von Josephine Mark.

„Trip mit Tropf“ ist ein turbulenter Roadtrip durch die Jahreszeiten, eine Geschichte über Freundschaft, Lebensmut und den Umgang mit Krankheit - als Josephine Mark 2020 die ersten Entwürfe für ihre Erzählung anfertigte, steckte sie mitten in der Chemotherapie. Kein Wunder also, dass der Comic eben auch von Flucht handelt: Ein selbstbewusster Wolf und ein schwer krankes, verschüchtertes Kaninchen, das einen meterlangen Medikamentenplan und einen sperrigen Tropf mit sich herumschleppen muss, fliehen vor einem durchgeknallten Jäger und dessen übermotiviertem Hund. Am Ende ist nicht alles gut, aber vieles gefühlt unendlich besser - und sowohl Wolf wie auch Nager müssen sich eingestehen, dass ihre eher ungewöhnliche Schicksalsgemeinschaft wohl nicht allein vom dubiosen Wolfskodex zusammengehalten wird.

Der in Leipzig lebenden Illustratorin ist nach ihrem Ende letzten Jahres erschienenen Debüt „Murr“ mit „Trip im Tropf“ sofort der nächste große Wurf gelungen: ein warmherziger, verdammt lustiger, brutal ehrlicher, generationsübergreifender Mutmacher, der auf höchst unkonventionelle Art mit ungeliebten Themen wir Krankheit und Tod umgeht. Wer hätte vorher gedacht, dass man beim Lesen des Wortes „Pommes“ durchaus mal eine Träne vergießen kann? Gründe gibt es also genug, sich auf das Gespräch mit Josephine zu freuen. Wir hatten die Chance, sie Mitte Mai in Berlin zur großen Buchpremiere während des Salons der grafischen Literatur zu treffen.

Q
Josephine, bei dir ist ja gerade einiges los: Innerhalb weniger Monate zwei Veröffentlichungen, du machst Lesereisen, gibts Schulworkshops …

A
Das meine beiden Bücher „Murr“ und „Trip mit Tropf“ so kurz hintereinander herausgekommen sind, also im November und im Mai, war ja so nie geplant, das ist eher der Pandemie geschuldet. Genau so verhält es sich mit den Schulworkshops, da konnte man ja lange Zeit nichts planen. Es wirkt tatsächlich so, als würde geballt das Leben wieder losgehen. Mir wäre es aber auch zu wenig, einfach nur ein Buch zu realisieren und es dann veröffentlichen zu lassen. Ich mag die Möglichkeiten, die sich erst dann auftun, nachdem ein Buch seinen Weg ins Regal gefunden hat – egal ob nun Lesungen, Podcasts oder halt Workshops. Es ist ja wichtig, für mich festzustellen, wie ich sozusagen öffentlich funktioniere, nachdem die Bücher ihr Eigenleben entwickeln durften … und darum lasse ich mir gerne jegliche Optionen erst einmal offen. Ich muss jedoch zugeben, dass ich andererseits auch einigermaßen hibbelig werde, wenn ich nicht bald wieder zurück an den Schreibtisch kann. Ich habe bereits das Script für das nächste Buch fertig – und logischerweise möchte ich möglichst schnell damit beginnen.

Q
Dein neues Buch „Trip mit Tropf“ lebt ja auch durch die vielen tollen Nebencharaktere - mein siebenjähriger Sohn beispielsweise ist sofort riesiger Fan der beiden Wölfe Karl und Günther geworden. Und bevor ich’s später vergesse, soll ich dich von ihm fragen, wie es denn um die Aussicht steht, genau diesen beiden eine Spin-off-Geschichte zu gönnen?

A
(Lacht) Das geht mir ehrlich gesagt genau so - die Figuren haben für mich schnell ein Eigenleben entwickelt, sogar in dem Ausmaß, dass ich mich tatsächlich damit beschäftige, wie der Background bestimmter Charaktere aussieht. Ich bin mir allerdings unsicher, ob man das wirklich alles ausloten sollte oder ob man damit dem Buch auch ein wenig vom Zauber nimmt. Die beiden Wölfe Karl und Günther hätten aber tatsächlich eine Vor- oder Nachgeschichte verdient. Ich find’s immer wieder faszinierend herauszufinden, welche Charaktere bei den Lesern, bei den Kindern hängen bleiben.

Q
In einer Schlüsselszene des Buchs schmettern Kaninchen und Wolf ja „Born to be Wild“ aus vollem Halse. Hast du lange überlegen müssen, ob du ausgerechnet diesen Gassenhauer für das Buch adaptierst oder hat sich das alles ganz organisch gefügt?

A
Die ganzen popkulturellen Anspielungen sind in meinen Geschichten immer sehr mit Bedacht gewählt. Im Fall von Steppenwolfs „Born to be Wild“ musste ich nicht lange überlegen, das ist zum einen ja das Roadtrip-Lied schlechthin, zum anderen passt dieser Song rein textlich für besagte Szene im Buch wie die Faust aufs Auge, so dass jegliches stereotype Element damit sofort aufgehoben wird. Das war dann eher ein glücklicher Umstand, das war mir vorher gar nicht so bewusst. Eine andere Anspielung im Buch ist Hunter S. Thompsons „Fear and Loathing in Las Vegas“ – das wäre dann der endlos lange Medikamentenplan des Hasen. Es gibt noch einige weitere, aber dass sollen die Leser schön selbst herausfinden.

Q
Hast du eine große Affinität zu Roadmovies? War dir sofort klar, dass die Geschichte eins werden wird?

A
Ja, aber das ist in erster Linie meiner Idee geschuldet, mit jedem neuen Buch ein anderes Genre zu bedienen. Das ist sozusagen die Hausaufgabe, die ich mir selbst gestellt habe. „Murr“ ist ein Western, „Trip mit Tropf“ die Anlehnung ans Roadmovie. Ich versuche immer einen Genrewechsel vorzunehmen, das jedoch mit Geschichten, die man nicht zwingend in eben diesen verorten würde. Das Genre ist also eher der Aufhänger, um einen kleinen Bruch zu erzeugen und es so spannender zu gestalten.
Um ehrlich zu sein, wollte ich das Thema Chemotherapie, das Thema Krebs, zunächst ganz anders aufarbeiten – es geht in der Geschichte ja auch um meine eigenen Erfahrungen mit der Krankheit. So ein Buch zu realisieren ist eine extrem zeitintensive Angelegenheit und ich musste aufgrund dessen einen Weg, eine Story finden, die es mir ermöglicht, mich zwei Jahre mit diesem Thema zu beschäftigen, ohne dabei durchzudrehen.

Q
Zumal nach Veröffentlichung der ganze Spaß ja weitergeht: Lesereisen, PR-Termine…

A
Richtig, das erscheint dann oft so, als würde es niemals enden. Während meiner Behandlung war ich logischerweise viel in Krankenhäusern oder zu Hause; an Reisen war da nicht zu denken … Also habe ich mir für das Buch Charaktere erdacht, mit denen ich zusammen Reisen kann, mit denen ich Spaß unterwegs habe. Deshalb spielt die Geschichte auch nicht in einer Stadt, sondern draußen in der Natur. Während meiner Chemo hatte ich beispielsweise den Wandel der Jahreszeiten verpasst, das ist komplett an mir vorbeigegangen … Und das habe ich dann im Buch nachgeholt. Das war mein ganz spezieller Eskapismus.

Q
Wenn man an Krebs erkrankt und die Behandlung positiv verläuft, will man ja vermutlich möglichst schnell einen Schlussstrich ziehen, um endlich auch mal an andere Themen denken zu können … durch „Trip mit Tropf“ ist dir das jetzt nicht vergönnt.

A
Das ist dann wirklich auch eine Gratwanderung … ich hatte zu dem Zeitpunkt auch nicht wirklich darüber nachgedacht, dass das alles irgendwann ein Buch werden wird, dass nach Veröffentlichung sein Eigenleben entwickelt und Menschen einen Bezug dazu entwickeln können. Für mich war das in erster Linie Privattherapie. Als Comiczeichnerin und Autorin war es für mich dankbar, sich über diesen Weg damit auseinandersetzen zu können – da geht es dann oft weniger ums Arbeiten und vielmehr ums Verarbeiten. In der Situation, in der ich mich befand, erlebt man viel Trauriges, viel Absurdes und manchmal auch Lustiges … Und das spiegelt sich nun im Buch wieder, ohne konkret zu interpretieren, was da nun meine eigenen Erfahrungen sind und was nicht.

Q
Das ist ja auch gar nicht essenziell, um sich in das Buch zu verlieben. Das Tolle an „Trip mit Tropf“ ist ja gerade, dass da eine eigentlich höchst persönliche Geschichte so erzählt wird, dass diese zeitlos und generationsübergreifend abgefeiert werden kann.

A
Danke schön! Ich nenn das immer den Pixar-Effekt – deren Filme funktionieren ja auf genau diese Art. Es braucht Emotionen und eigenständige, starke Charaktere, um eine Geschichte auszufüllen, die auf vielerlei Ebenen funktionieren soll. Das Script zum Buch habe ich innerhalb einer Woche geschrieben, ein Kapitel pro Tag – und das Ganze schwer medikamentiert. Ich habe das alles bereits konkret vor meinem geistigen Auge sehen können und vielleicht ist die Geschichte deshalb so lebendig geworden. Ein Buch schreibt sich ja oft wie von selbst, wenn man die Figuren einfach nur machen lässt.

Q
Der Comic wirkt dann ja auch sehr filmisch …

A
Richtig, weil das Script in erster Linie wie ein Drehbuch funktionierte. Am Anfang jedes Kapitels habe ich erst einmal beschrieben, wo es spielt und welche ergänzenden Figuren auftauchen werden, gefolgt von den Dialogen. Vermutlich liegt diese Herangehensweise in meiner Liebe zum Film begründet. Als aufmerksamer Konsument, der aber auch Produzent ist, schaue ich mir Filme extrem aufmerksam an. Ich sauge auf und analysiere, warum mir ein bestimmter Film – oder eine spezielle Szene – so gut gefällt. Beim Schreiben habe ich dann, wie gesagt, permanent einen Film vor Augen gehabt … Das spiegelt sich auch ein wenig in den Panels und den Bildausschnitten wieder. Zeichnen oder Schreiben, ich wüsste gar nicht, was mir mehr Spaß macht.

Q
Ohne jetzt Spoilern zu wollen, muss ich kurz loswerden, wie absolut fantastisch du zum Schluss die verschiedenen Erzählstränge zusammenführst. Da wird Optimismus, Glück und Lebensbejahung auf ein einziges Wort reduziert und es funktioniert großartig.

A
Wie die Geschichte ausgehen wird, habe ich tatsächlich bis zum Schluss nicht wirklich gewusst, das habe ich mir offen gelassen. Mein erstes Buch „Murr“ geht nicht wirklich gut aus … Das wollte ich für „Trip mit Tropf“ vermeiden, ich wollte das Publikum anders in die Realität entlassen. Wenn man eine schlimme Diagnose erhält, fängt man tendenziell an, im Moment zu leben, einfach weil viel zu viele Dinge nicht mehr in Deiner Hand liegen. Das die Geschichte mit diesem einen Wort beendet wird, dass dann doch so viel aussagt, ist meiner eigenen Therapieerfahrung geschuldet, da steckt dann doch ziemlich viel Anekdote drin: noch nie hatte ich so viel Hunger, wie während meiner Behandlung. Nur leider konnte ich nichts essen … Oder zumindest nicht die Dinge, auf die ich diesen Heißhunger entwickelt hatte. Als die Therapie vorbei war, habe ich erst einmal jede Menge ungesunde Dinge zu mir genommen … Und habe das als das Schönste überhaupt empfunden.

Q
Das Buch als willkommenes Therapiemittel bildet den Epilog deiner Erkrankung. Der Weg dorthin war ein drastischer und daher wollte ich abschließend fragen, ob es noch etwas gibt, dass du Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, auf den Weg geben möchtest?

A
Jeder erlebt den Verlauf einer Krankheit anders, daher kann ich natürlich nur für mich sprechen. Wenn man eine Diagnose wie Krebs erhält, ist es, zumindest aus meiner Erfahrung, für die Angehörigen meist schlimmer als für den Betroffenen – einfach weil sie mit dieser kompletten Hilflosigkeit nur sehr schlecht umgehen können. Ich habe größten Respekt vor den Problemen, die Angehörige in dieser Situation haben. Es gibt ja mittlerweile auch Möglichkeiten, sich Hilfe in solch einer Lage zu holen … Aber daran denkt man eigentlich erst, wenn es bereits zu spät ist. Einfach, weil man nur an die nicht gesunde Person denkt. Bis zu einem bestimmten Punkt ist das auch richtig, aber man sollte nicht vernachlässigen, sich auch adäquat um sich selbst zu kümmern. Für den Kranken sind die Ärzte zuständig, das sehe ich ganz pragmatisch, und in den meisten Fällen wird alles dafür getan, dass es einem möglichst bald wieder besser geht. Der Stress für Familie und Freunde wird oft unterschätzt, die Ängste, die plötzlich auftreten … Für die Eltern ist das logischerweise meist am schwersten: Das eigene Kind ist bedroht und man selbst kann eigentlich nicht wirklich viel machen. Ich hatte da ganz viel Glück, weil ich wirklich eine tolle Familie habe. Die waren in dieser Zeit extrem tapfer und haben viel dazugelernt. Sie haben alles richtig gemacht – mich in Ruhe zu lassen, wenn es die Situation erforderte und für mich da zu sein, wenn ich es brauchte. Man sollte auch nicht zwingend anfangen, alles auf Biegen und Brechen zu googeln, wenn man diese Diagnose bekommt … Das macht einen nur irre. Mein Anliegen nach dieser Erfahrung ist eigentlich, dass sich auch die Angehörigen Hilfe suchen sollten. Sie sollten Fachleute aufsuchen, mit ihnen sprechen und nicht in tiefe Traurigkeit und wilden Aktionismus versinken. 

P.S. Übrigens wurde Josephines großartiger Comic kürzlich mit dem Max Und Moritz-Preis ausgezeichnet - herzlichen Glückwunsch dazu!

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